Jüdisches Leben in Assenheim vom Mittelalter bis zum Vorabend der Shoa

Die Stadtgeschichte Assenheims als Bestandteil des heutigen Niddatals ist eng mit dem Bestand einer heimischen jüdischen Kultusgemeinde verwoben. Deren Untergang während der Herrschaft des Nationalsozialismus stellt zuallererst eine menschliche Tragödie dar. Sie begann ideologisch, führte bald nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten zur Entrechtung, wirtschaftlicher Ausplünderung, Gewaltausschreitungen und der Ermordung von Mitbürgern. Obschon dieser Vortrag das jüdische Leben Assenheims bis unmittelbar vor seinem Untergang beschreiben will und zwei weitere Veranstaltungen die Synagoge selbst und schließlich Assenheims jüdische Gemeinde in der Shoa möchte ich heute kein falsches Idyll aufkommen lassen. Monica Kingreen hat 2012 in dieser Assenheimer Synagoge in ihrem Vortrag das ganze Maaß der Ausschreitungen in dem Progrom von 1938 geschildert, besonders die Gewalttaten der Nationalsozialisten gegen die Familie Liebmann in der Niederwöllstädter Straße. Aus ihrer Feder stammt auch die jüngste Forschung über die Deportationen. So wurden die allerletzten Opfer in die Vernichtungslager am 30.September 1942 deportiert. Es waren aus Assenheim Berta Grünebaum, geb.Ladenburg und ihre ledige Schwägerin Dora Grünebaum aus der Hauptstr.13. Selbigen Tages traten Filizzi Frank und ihr Ehemann Hugo Frank aus der Pfarrgasse 4 in Bruchenbrücken den Weg in den Tod an. Alle wurden in Polen ermordet(Vgl. Monica Kingreen: Gewaltsam verschleppt aus Oberhessen. Die Deportationen der Juden im September 1942 und in den Jahren 1943-1945. Gießen 2000, S.96 / Sonderdruck aus MOHG, NF 85 2000).

Wer von den jüdischen Assenheimern den Völkermord überlebte, hatte dann zumeist auch seine angestammte Heimat verloren, nur ganz wenige kehrten zurück.

Die jüdische Gemeinde von Assenheim war zerschlagen! Unendliches menschliches Leid und der Verlust eines gemeinsam gelebten Lebens zwischen Christen und Juden über Jahrhunderte verbinden sich damit.

Aber in der jüdischen Ortsgeschichte Assenheims hat es vor der Shoa schon zweimal eine Unterbrechung gegeben. In unserer Stadt leben wieder jüdische Mitbürger, im Rhein-Main-Gebiet findet ein vielschichtiges jüdisches Kultur- und Gemeindeleben statt. Der nunmehrige Vorsitzende der jüdischen Kultusgemeinde zu Bad Nauheim, Herr Manfred de Vries, hat bei einer Gedenkveranstaltung in diesem Raume vor etlichen Jahren gesagt, er lebe gerne in Deutschland. Bemühen wir uns alle, dass er auch für die Zukunft bei seiner Meinung bleiben kann.

Es ist allarmierend, dass jüdische Mitbürger bei uns in Deutschland angepöbelt und sogar bedroht werden, wenn sie sich als Juden zu erkennen geben oder als solche erkannt werden. Auch aus diesem Grund ist das Erinnern so wichtig.

Aus unserem Handeln im Hier und Heute erwächst die Zukunft für uns und nachfolgende Generationen! Deshalb: Zukunft braucht Erinnerung!

Die frühen Anfänge jüdischer Geschichte sind hinter dem Schleier der Vergangenheit verborgen. Ob oder wo jüdische Menschen während der Römerzeit die Wetterau bewohnten, also bis zur Zeit um 250 n.Chr., ist spekulativ. Für die Epoche Karolinger ist es dagegen sehr wahrscheinlich.

Im 13. Jahrhundert ist dichtes jüdisches Leben in unserer Region bezeugt. So zahlten die Juden der Wetterau 1241 als Kammerknechte des Kaisers 150 Mark. Sehr bedeutende Judengemeinden wie Worms oder Speyer hatten mit 80 und 130 Mark dagegen ein geringeres Steueraufkommen (Vgl. Rudolf Lummitsch: Geschichte der Stadt Assenheim Von der frühen Zeit bis zum 19.Jahrhundert Niddatal 1977, S.300). Seit dem 4.Lateranum von 1215 unter Papst Innozenz III. hatte die

Ausgrenzung der Juden im Abendland eine neue Qualität erreicht, die unter Papst Gregor IX. 1234 in der „perpetua servitus judaeorum“ der ständigen Judenknechtschaft fortgeschrieben wurde. Davon leitete kein geringerer als der Staufer Friedrich II. zwei Jahre später die Schutzbeziehung der Juden ab. Dieses Schutzrecht an den Kammerknechten des Kaisers konnte der Monarch auch an Territorialherren vergeben. So erhielt die Burg Friedberg 1275 das Judenschutzrecht für die Stadt und nicht der Magistrat der Reichsstadt (Vgl. Friedrich Battenberg: Assenheimer Judenprogrome vor dem Reichskammergericht. Die Prozesse der Grafschaften Hanau, Isenburg und Solms um die Ausübung des Judenregals 1567-1573 in : Neunhundert Jahre Geschichte der Juden in Hessen. Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen; Wiesbaden 1983; Redaktion: Christiane Heinemann; S. 123).

In diesen Jahren nähern wir uns der überlieferten Geschichte jüdischer Bewohner Assenheims. DieHerren von Münzenberg wurden von den Stauferkaisern sehr gefördert. Diese ehemals nichtadeligen Dienstleute (Ministerialen) und die aufkommenden Städte bildete in der staufischen Reichspolitik das kaisertreue Gegengewicht dem Hochadel, bestehend aus Grafen und Fürsten. Obschon die Herren von Münzenberg 1255 im Mannesstamm ausstarben und die Stadtwerdung Assenheims unter Kaiser Rudolf I. nicht mehr erlebten, haben sie die Ansiedlung jüdischer Familien in ihren Territorien ermöglicht. Münzenberg sind schon 1188 jüdische Familien als Geschäftsleute von ihnen sesshaft gemacht worden. Und für die Stadt Assenheim beginnt die überlieferte Geschichte ihrer jüdischen Gemeinde 1277 (Vgl. Rudolf Lummitsch a.a.O. S. 298), wobei Friedrich Battenberg dies schon für die Zeit vor 1250 vermutet (Vgl. Friedrich Battenberg a.a.O.S.126). Der genannte Wissenschaftler geht weiterhin davon aus, dass Assenheims jüdische Gemeinschaft während der großen Judenverfolg- ungen nach dem Ausbruch der Pest 1347 untergegangen ist (Vgl. Friedrich Battenberg a.a.O. S.127).

Doch zuvor entwickelte sich eine verworrene Rechtslage bezüglich der Assenheimer Judengemeinde, die in der Frühen Neuzeit deren zweiten Untergang verursachen sollte.

Das Erbe der Herren von Münzenberg, zu dem neben Landbesitz, Landesherrschaft und daran gebunden eine Vielzahl von Rechten, bzw. Vorrechten gehörte, wurde nach 1255 erst auf vier Erbengeteilt. Nach 1270 verteilte sich dieses Erbe unter zwei Parteien, die Häuser Falkenstein und Hanau im Verhältnis 5/6 zu 1/6. Im gleichen Verhältnis wurde auch über Assenheim die Herrschaft geteilt, was sich auch auf das sogenannte Judenregal bezog. Aber statt „… eyn sesteyl…“ für Hanau schließen am 14.November 1278 beide Häuser einen paritätischen Vergleich. Jede Seite erhält jährlich zeitversetzt von den Assenheimer Juden 8 Mark in Aachener Pfenningen, Hanau am Walpurgistag und Falkenstein am Martinstag. Daneben übertrug schon König Rudolf I. Privilegien bezüglich der Judensteuer an Ulrich I. von Hanau und sein Nachkomme Ulrich III. beansprucht 1351 alle Judenrechte in Assenheim für sich. Geht man aber in diesem Jahr 1351 von der Vernichtung einer jüdischen Gemeinde aus, so sind solche Alleinvertretungsansprüche erst einmal theoretischer Natur. Auch bei einem Teilungsvertrag vom 20. Februar 1494 über Rechtsansprüche auf Assenheim findet das Thema Judensteuer keine Erwähnung (Vgl. Friedrich Battenberg a.a.O. S. 126).

In der Wende zwischen Spätmittelalter und Frühneuzeit hat sich in Assenheim wieder eine Jüdische Gemeinschaft gebildet, die um 1557 auf 40 bis 50 Personen geschätzt wird (Vgl. Friedrich Battenberg a. a. O. S. 131). Sie erfüllen in der Region die Funktion der Darlehensvermittlung als Geldverleiherund treiben Handel, mitunter auch im Bereich von ausgesprochenen Luxuswaren, wie Glaswaren,Pelze und Wein (Vgl. Rudolf Lummitsch a.a.O. S.302).

Zwischenzeitlich haben sich in unserem Städtchen und der näheren Umgebung die territorialen Gegebenheiten verändert. Hanau hält immer noch ein „…eyn seysteyl…“ der Herrschaftsrechte sowohl über die Burg und die Stadt Assenheim. Doch gemäß einer Landscheidung der gesamten Gemarkung des Städtchens verfügt Hanau über 1m und die beiden anderen Stadtherren, die Grafen zu Isenburg und zu Solms jeweils jedoch jeweils über 350 m. Das nächste hanauer Territorium stellt

das Dorf Erbstadt dar. Unmittelbare Nachbarorte Assenheims sind unter anderem die rein solmsischen Orte Nieder Wöllstadt, Ossenheim und Bauernheim, sowie die beiden rein isenburgischen Dörfer Bönstadt und Bruchenbrücken.

1557 kommt es seitens der Grafenhäuser Isenburg und Solms zu Pfändungen bei 7 jüdischen Haushalten Assenheims (Vgl. Friedrich Battenberg a.a.O.S.131).
Im Jahre 1558 entsteht ein Konflikt zwischen Graf Friedrich zu Solms Laubach und Philipp III. von Hanau-Münzenberg. Den Hintergrund stellt eine Reichssteuer dar, die seit dem frühen 16. Jahrhundert zur Finanzierung des fast permanenten Kriegszustandes des Deutschen Reiches mit der Türkei erhoben wird. Friedrich zu Solms will diese anteilig von der Judengemeinde Assenheimseinfordern Philipp von Hanau beharrt energisch hinsichtlich seines Alleinvertretungsanspruchs bezüglich des Judenregales in Assenheim (Vgl. Friedrich Battenberg a.a.O.S.129).

Knapp ein Jahrzehnt später entladen sich die Spannungen um die Ansprüche der isenburger und solmser Stadtherren in vier Gewaltexzessen an den assenheimer Juden im Sommer 1567 zwischendem 9.Juni und 31.Juli. Dabei gehen die Isenburger und Solmser nach einem ähnlichen Schema vor.

Am 9.Juli fordert Graf Philipp von Isenburg von der jüdischen Gemeinde einen Gulden Trinkgeld, was die Gemeindevertreter aus grundsätzlicher Weisung ihres Schutzherren verweigern müssen. Darauf dringen isenburger Bewaffnete in jüdische Häuser ein plündern und es kommt zu einer Vergewaltigung.

12 Tage später dringen bruchenbrücker Bauern, angeführt vom isenburger Ortsschultheißen undpfänden ein Weinfass, das sie in die Ortsschänke von Bruchenbrücken überführen. Dieser Vorfall vom 21.Juni wiederholt sich am 27. dieses Monats mit bönstädter Bauern, ebenfalls isenburger Untertanen. Auch dabei wird ein Weinfass in die bönstädter Ortsschänke verbracht.

An der letzten Gewaltaktion vom 31.Juli ist Graf Johann Georg von (Alt)-Solms-Laubach beteiligt. Mit sechs bis acht Bewaffneten und etwa 20 ossenheimer und damit solmser Untertanen werden die jüdischen Häuser geplündert und alle vorgefundenen Schuldscheine vernichtet. Dabei war die jüdische Gemeinde offenkundig im Vorfeld gewarnt worden und geflohen, bis auf ein Mitglied. Dieser Mann wurde in Haft genommen.

Am 6. August, bzw.9.September bewirkte Hanau eine Anzeige dieser Vorgänge beim

Reichskammergericht, damals noch in Speyer (Vgl. Friedrich Battenberg a.a.O.S.131/132). In den darauf folgenden Verhandlungen wurde jede Beteiligung am diesen Progromen seitens Isenburg und Solms bestritten, die jüdischen Assenheimer sind jedoch in benachbarte Territorien geflohen. Hans- Helmut Hoos nennt die Fluchtziele etlicher Haushaltsvorstände mit ihren Familien (Vgl. Hans –Helmut Hoos: „Das er nicht nur schutzmäßig sich betragen und leben sollt“. Zur Geschichte Wetterauer Schutzjuden in Fauerbach bei Friedberg.in: Hessisches Staatsarchiv Darmstadt (Hrsg.)/ Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde Bd.58 Darmstadt 2000, S.137-186 1.Teil;Bd 59,Darmstadt 2001, S.167-198, S.155).

Von den vier überlieferten jüdischen Familien aus Assenheim ging Gantof nach Bönstadt, Heyum nach Erbstadt, Jostlein nach Heuchelheim bei Gießen und Geußen nach Fauerbach, wobei letzterer einem solmsischen Lehensmann unterstand (ebenda).

Eine jüdische Gemeinschaft für Assenheim wird erst wieder 1670 bezeugt, wobei diese schon auf 20 Haushalte angewachsen war (Vgl. Friedrich Battenberg a.a.O. S.130/131).

Dabei handelte es sich bis zu ihrem Untergang in der Shoa um eine dauerhafte Ansiedlung und Ausbildung eigener Gemeindestrukturen (Vgl. Hans-Helmut Hoos a.a.O.S.147). Damals waren die Rahmenbedingungen jüdischer Existenz im Altreich hart, unsicher und diskriminierend. Schon die

Ansiedlung erfolgte prinzipiell aus rein fiskalischem Kalkül des Landesherren oder des Lehensmannes eines Landesherren, wie bis 1712 in Fauerbach unter den solmsischen Lehensleuten der Waisen, der von Dörnberg und von Bünau.

Der rechtliche Status als sogenannter „Schutzjude“ beruhte auf dem „Schutzbrief“, der für ein jährliches Schutzgeld eine befristete Laufzeit hatte (Vgl. Hans-Helmut Hoos a.a.O. S.148, 159-160). Während des 18. Jahrhunderts bewegte sich das Judenschutzgeld in den solmser Territorien, je nach Gegend zwischen etwa 15 bis 8 Gulden jährlich, Witwen zahlten die Hälfte(Vgl. Wilhelm Engelbach: Studien zur Wirtschaftsgeschichte der Grafschaft Solms-Rödelheim, Diss., 2 Bd. Marburg 1952 S.90).

Auch wurden die Schutzbriefe in der Regel verlängert und für „ im Lande geborene“ Schutzjuden bestand durchaus die Perspektive in ihrer angestammten Heimat bleiben zu können. Bestanden in Reichsstädten oder in größeren Staatsgebilden festgeschriebene Judenordnungen, bedeutete dies meist eine noch stärkere Gängelung und Diskriminierung durch die Staatsverwaltung. Ferner galten noch weitere Abgaben bei Hochzeiten, Beschneidungen und Begräbnissen (Vgl. Hans-Helmut Hoos a.a.aO.S.167/168; Rudolf Lummitsch a.a.O.S.308).

Die Grafschaft Solms-Rödelheim besaß bis zu ihrer Mediatisierung 1806 keine Judenordnung. Vielmehr behielt sich der regierende Graf situationsbezogene Bestimmungen vor, obwohl seitens derBeamtenschaft immer wieder die Schaffung einer Judenordnung empfohlen wurde, so noch 1796 von Kammerrat Hoffmann, der dies jedoch bei Graf Volrat nicht durchsetzen konnte. Bei der territorialen Kleinräumigkeit in der Wetterau bis 1806 bedeutete dies für handeltreibende Juden aus Assenheim in Bönstadt oder Bruchenbrücken die Grenze in die Grafschaft Isenburg-Wächtersbach zu überschreiten. Hierbei wurde der sogenannte Judenleibzoll erhoben, der sich danach richtete, ob jemand zu Fuß, zu Pferde oder mit den Wagen passierte. Dies waren zwar nur Pfennigbeträge, aber der Grenzen rund um Assenheim gab es viele. Noch nachteiliger war die Lage eines handeltreibenden Juden im „Ausland“. Oft wandten sich die Ortszünfte gegen „ortsfremde jüdische Händler“. So beschwerten sich die Metzger in der Assenheimer Gemeinschaftszunft am 18.Februar 1706 über das Hausierren „…außländischer Juden mit Fleisch…“, worauf die Stadtobrigkeit dies für die Zukunft mit 3 Gulden ahndete (Vgl. Rudolf Lummitsch a.a.O.S.301). Die erwähnte territoriale Kleinräumigkeit und Zerstreuung bedingte nicht nur Grenzübertritte sondern auch dort, wo es im „Ausland“ erlaubt war, Handel zu treiben. Kam es dabei zu gerichtlichen Auseinandersetzungen, war ein Jude schnell im Nachteil und erst recht dann, wenn es auch noch ein ausländischer war (Vgl. Hans-Helmut Hoos a.a.O.S.149).

Existenzunsicherheit und Außendruck schweißten die jüdischen Gemeinden Oberhessens während des 17. und 18. Jahrhunderts zu sehr engen Gemeinschaften zusammen. Der Einzelne stand innerhalb dieser hierarchischen Gemeinschaft unter enormem Anpassungsdruck. Hierbei regelte dieGemeinde interne Konflikte weitgehend eigenständig und reagierte auf Ansprüche der Landesherren nur als Kollektiv. Wer hier ausgestoßen wurde, sei es wegen Verarmung oder Regelverstößen, hatte außerhalb keinen Halt und fiel entweder dem Bettel oder der Kriminalitätanheim (Vgl. Hans-Helmut Hoos a.a.O.S.157).

Zwar bestehen wegen der dreigeteilten Stadtherrschaft Assenheims besondere Überieferungs- probleme, wobei jedoch die recht gut erforschte Judenpolitik der Grafen zu Solms-Rödelheim und Assenheim die spezielle assenheimer Situation doch recht exemplarisch widergeben können.

Die Ämterstruktur der Judengemeinden in der Grafschaft Solms-Rödelheim sah im 18.Jahrhudert zwei bis drei sogenannter „Baumeister“ (Parnassim) als Gemeindevorsteher vor, daneben Almosenpfleger oder Kastenmeister (Gabbaim). Die Einsetzung der Baumeister erfolgte unterschiedlich. Teilweise durch Einsetzung der Landesherrschaft, aber überwiegend durch Wahl seitens der Haushaltsvorstände (Vgl. Georg Faust : Sozial=und wirtschaftsgeschichtliche Beiträge zur

Judenfrage in Deutschland vor der Emanzipation unter besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse in der ehemaligen Grafschaf Solms-Rödelheim, Gießen 1937 (Anm.d. Verf.: Dieser Autor lässt in seinen Ausführungen, dem Zeitgeist entsprechend, einen unangenehmen antisemitischen und nationalsozialistischen Duktus aufkommen, dennoch werden vielfach Sachstrukturen informativ dargestellt.) S.57-64).

Die Baumeister hatten Verwaltungsaufgaben inne. Sie repräsentierten die Gemeinde gegenüber der Landesherrschaft und legten die der Gesamtheit aufgetragenen Forderungen individuell um. Sie besaßen zudem ortspolizeiliche Befugnisse. Dagegen fungierten die Kastenmeister als dieSynagogenvorsteher und übten karitative Funktionen aus, wie die der Armenunterstützung.

Bis zum Ende des Oberhessischen Landjudentums war der Religionslehrer der Mittelpunkt des religiösen Lebens. Der Unterricht verlief völlig autonom von der damaligen staatlich-kirchlichen Schulaufsicht und wurde im Hochhebräisch der Thora und in Jiddisch, der damaligen Umgangssprache unter den Landjuden, abgehalten. Der Lehrer besaß durch seine akademisch- theologische Ausbildung nicht nur die Lehrautorität für jüdische Schüler und Erwachsene. Er hatte nicht nur inhaltlich sondern auch meist als Vorsänger (Chasan) liturgisch die üblichen und besonders die Festgottesdienste. Daneben waren die ländlichen Religionslehrerstellen meist auch mit demSchächteramt verbunden. Zentrum des Gemeindelebens war ein Betraum bei Kleinstgemeinden und ansonsten die Synagoge. Diese war neben dem Gottesdienst auch Versammlungs- und Lehrraum. Eine Synagoge wird für Assenheim ab 1704 überliefert (Vgl. Paul Arnsberg .Die jüdischen Gemeinden in Hessen Anfang – Untergang – Neubeginn, Frankfurt 1971 ISBN 3797302134, S.48, 49).

Die Steuererhebungen und die Schriftführung in Kooperation mit der gräflichen Verwaltung wurden im 18. Jahrhundert zweisprachig verfasst. Die internen gemeindlichen Schrifte aber auch die privatenGeschäftsbücher wurden nur in (west-)jiddischer Sprache geführt (Vgl. Faust a.a.O.S.62 und 87).

Neben der sprachlichen und religiös-kulturellen Abgrenzung bestand natürlich für die jüdischen besonders eine rechtlich-soziale Ghettosituation. Hierbei ist hervorzuheben, dass für Assenheim weder einen ghettoartigen Wohnbezirk, noch eine Judengasse jemals überliefert wird. Dies drückte sich besonders auch durch die Ausgrenzung von Dienstpflichten der christlichen Stadtbürger aus, wie z.B. dem turnusmäßigen Wachdienst. Dies bedeutete einerseits eine Entlastung, andererseits auch eine Ausgrenzung. Seit dem Mittelalter Juden aus den Dorfgasthäusern verbannt. Vor diesem Hintergrund bittet der Assenheimer Jude Marcus am 22. Mai 1676 die damaligen Bürgermeister Johann Krauß und Johann Schmidt, dass er am Petritag (22.Februar) der Gemeinde 1 Ohm Bier (180 Liter) stiften dürfe, da er“…kein Wacht oder sonstigen Dienst möge verrichten…“.Dabei bittet Marcus mittrinken zu dürfen. Dass dies damals keine Selbstverständlichkeit darstellte, ist derAnweisung der Bürgermeister zu entnehmen : „…ist ihm ein solches zu erlauben, drauff sich ein jeder zu richten hat…“ (Vgl. Rudolf Lummitsch a.a.O. S.308).

Die Trennung zwischen jüdischem und christlichem Leben galt auch sprichwörtlich über den Tod hinaus. Assenheims Judenfriedhof liegt katastermäßig in Flur 3/ Flurstück 347 und erstreckt sich auf 9,85 ar. Er grenzt an den ehemaligen Steinbruch und liegt weit ab von der ursprünglichen Bebauung. Seine urkundliche Überlieferung setzt in den Bürgermeisterrechnungen 1695/96 ein. Es ist also höchst unsicher, ob es hierbei um die erste jüdische Grablege in und für Assenheim handelt. Die jüdische Gemeinde musste seinerzeit 25 Albus an die Stadt zahlen. 1773 waren für einErwachsenenbegräbnis 1 Gulden zu entrichten und für ein Kinderbegräbnis ein halber Gulden. Diese Gebühr war an alle drei Stadtherren zu entrichten (Ebenda).

Die Grafen zu Solms-Rödelheim hoben sich gegenüber „ihren“ Schutzjuden als recht aufgeschlossene Landesherren hervor. Die verschiedenen Judengemeinden ihrer Grafschaft wurden entweder von Rabbinern aus Frankfurt oder aus Friedberg betreut. Von der größten solmsischen Judengemeinde,

Rödelheim, ging 1760 die Initiative aus, ein Landesrabbinat für die gesamte Reichsgrafschaft Solms- Rödelheim und Assenheim zu schaffen. Hinter dieses Ansinnen stellte sich auch Graf Wilhelm Karl Ludwig. Erst der vehemente Widerstand der Gemeinden Nieder Wöllstadt und Fauerbachverhinderte diesen Plan(Vgl. Georg Faust a.a.O.S.64).

Insgesamt hob sich die Haltung der Reichsgrafen zu Solms-Rödelheim und Assenheim gegenüber ihren „Schutzjuden“ gegenüber den meisten anderen Landesherren positiv ab. Seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts verfügten hier schon Juden über Haus- und Grundbesitz (Vgl. Hans-Helmut Hoos a.a.O. S.178). Sein Nachfolger, Graf Volrat ging noch einige Schritte weiter. In Rödelheim ermöglichte er 1799 die Einrichtung der ersten hebräischen Druckerei auf deutschem Boden. Sie wurde von Baruch Mayer Baschwitz und Wolf Heidenheim geleitet und widmete sich neben dem Druck religiöser Literatur auch Übersetzungen(Vgl. Georg Faust a.a.O.S.104 und Rudolf Lummitsch a.a.O.S.303 Bild 60.)Er setzte in seiner Regentschaft als Reichsgraf wichtige Reformen um. Er hob die Leibeigenschaft auf und am 15. Oktober 1803 den Judenleibzoll mit Wirkung vom 1. November 1803 außer Kraft. In seinem Dekret hierzu heißt es:“…mit dem Geiste unserer Zeit nicht wohl vertraegliche Art von Abgabe…ein bleibender Gegenstand unseres Wunsches und Willens, jene mit gehaeßigen Umstaenden verbundene Abgabe auf hoeren zu lassen…“ (Vgl. Georg Faust a.a.O. S. 120-121).

Sicher wären von diesem aufgeklärten und humanistischen Landesherren noch weiter Reformen zu erwarten gewesen, aber die Umbrüche in Europa sollten sich, ausgehend von der Französischen Revolution seit 1789 noch erheblich steigern. Mit dem Jahr 1806 endet das erste deutsche Kaiserreich, als Franz II. seine Krone niederlegte (Vgl. Helmut Werner: Die Deutschen Kaiser Von Karl dem Großen bis Wilhelm II. S.113).

Letzter Auslöser zu diesem Schritt war die Tatsache, dass zahlreiche deutsche Fürsten aus demHeiligen Römischen Reich Deutscher Nation austraten und sich im Rheinbund dem Imperator Napoleon unterstellten. Darunter befand sich auch der Landgraf Ludwig X. von Hessen Darmstadt , dem nunmehr der Großherzog Ludewig I. von Hessen und bei Rhein wurde (Torsten Haarmann :.Das Haus Hessen Eine europäische Familie des Hochadels. Deutsche Fürstenhäuser Heft 47 Werl 2014).

Als Rheinbundfürst erhielt er von Napoleon erheblichen Landgewinn. Das Haus Solms-Rödelheim und Assenheim, ebenso das Haus Isenburg-Wächtersbach verloren ihre Souveränität. Assenheim gehörte nunmehr zum Großherzogtum. Damit hatten auch die jüdischen Assenheimer einen neuen Landesherrn. Kam nun die große Wende ? Schließlich übernahmen die Rheinbundfürsten den code civil Frankreichs, dort waren alle Glaubensrichtungen gleichgestellt. Für die christliche Bevölkerung Assenheims änderte sich vieles, für seine „Schutzjuden“wenig. Dieses Wenige war dennoch richtungsweisend! 1806 wurde die Einführung von Familiennamen für alle Juden verpflichtend. Zuvor hieß der 1803 geborene Sohn Israel von Salomon Liebmann : Israel Ben Salomon, die 1797geborene Tochter Bette von Daniel Zinsheimer: Bette Bat Daniel.

Das Judenregal blieb bis Mitte der 1820 ́ér Jahre sogar noch bei den ehemaligen Landesherrn, denen als nunmehrige „Standesherren“ anfänglich noch zahlreiche Hoheitsrechte verblieben. Mehr noch, als Napoleons Stern in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 zu sinken begann, wechselten die meisten Rheinbundfürsten rechtzeitig die Seiten, so auch Großherzog Ernst Ludewig I..Durch den nunmehrigen Wegfall französischen Rechtes wurde mittels einer großherzogliche Verordnung vom 29.August 1814 die Heirat zwischen Juden und Christen ausdrücklich verboten (Vgl. Thomas W. Lummitsch : Jüdisches Leben in Gedern, Schotten 1991, s. 39,40).

Auch die neue „Verordnung über die Ausübung des Bürgerrechtes“ im Großherzogtum vom 20.März 1820 verwehrte Juden eben die Bürgerrechte, denn diese standen nur „Inländern“ zu (Art.1), was die „Schutzjuden“ eben nicht waren. Diese „Inländer“ mussten Kinder von „Inländern“ gewesen sein

(Art.2 Satz 1) oder erwarben diesen Status durch Heirat, die seit 1814 Juden mit „Inländern“ ja ausdrücklich verboten war(Vgl. Thomas W. Lummitsch a.a.O. S.41, 42).

Mitten in diese turbulente Zeit tritt über eine Musterliste vom 28. Juli 1818 die jüdische Gemeinde von Assenheim (Vgl.Stadtarchiv Assenheim /StA./ Abt.VIII Absch.1, Konv.1, Fasc.7). Dabei handelt es sich um insgesamt 42 Personen, 15 Erwachsene, darunter 2 noch unverheiratete junge Frauen und27 Kinder, die in 7 Haushalten lebten.

Es sind dies:- Abraham Goldschmidt, seine Frau mit 3 Töchtern und 1 Sohn; -Loeb Goldschmidt, seine Frau mit 3Töchtern und 1 Sohn; -Samuel Grünebaum, seine Frau mit 3 Söhnen und 3 Töchtern; -, -Salomon Liebmann, seine Frau 2 Töchter und 1 Sohn; -der Witwer Israel Fuld mit 3 Söhnen und 2 Töchtern; -Ruben Simon, seine Frau mit 3 Söhnen und 2 Töchtern; – David Zinsheimer, seine Frau und 1 Tochter.

Unter den sechs beigefügten Berufsangaben befindet sich dreifach die Bezeichnung Händler, bzw. Fruchthändler und Schlächter. Diese Koppelung beschreibt den späteren „Rindsmetzger“, der Viehhändler (Rinder) und Metzger ist. Zweimal ist von einem Händler die Rede, worunter sich wahrscheinlich der „Handelsmann“ oder Hausierer verbirgt, der über Land seine Ware von Haus zu Haus anbietet. Einmal wird ein Krämer genannt, was auf einen Ladenbesitzer schließen könnte (Vgl. StA. Abt. VIII).

Die bei 6 Haushalten angeführten Vermögen belaufen sich je einmal 400-, fl. und 100-, fl. und jezweimal auf 300-, fl. und 200- ,fl. und dürften sich auf geschätzte Immobilienwerte beziehen (Ebenda).

Interessant ist bei den zu ermittelnden Vornamen der Erwachsenen und auch der Kinder die biblisch-hebräischen, wie Abraham, Salomon oder Israel, wie auch jiddische wie Loeb, Kaufmann oder (weibl.) Ettel. Unter den vom Schriftbild zu ermittelnde Vornamen befinden sich nur zwei, die seinerzeit auch unter der christlichen Umwelt üblich waren und damit nicht per se ein „ Jüdischsein“ ausdrücken. Es waren dies die Ehefrau Susanna von David Zinsheimer und die Tochter Clara von Samuel Grünebaum (Ebenda).

Allein diese genannte Quelle verdeutlicht nicht nur etliche numerische und soziale Fakten, sie zeigt die jüdische Gemeinschaft Assenheims anno domini 1818 in einer sehr abgeschlossenen Welt.

Sie unterstehen faktisch noch den ehemaligen Landesherren als „Schutzjuden“ inkusive dem Schutzgeld und sind hoheitlich für die Kommunalverwaltung des Heimatortes fremd.

Sie befinden sich in den Berufsfeldern, die Juden als wirtschaftliche Nischen in Mittelalter und Frühneuzeit zugewiesen worden waren.

Sie leben kulturell in einer abgeschirmten Welt, was sich in der selbstbestimmte Vornamenswahl ausdrückt.

In diesen 30 Jahren zwischen 1818 und 1848 bleibt die Bezeichnung „Schutzjude“ zwar offiziell bestehen, aber aus den Juden in Assenheim werden jüdische Assenheimer. Einen wichtigen Schritt in diese Richtung beschreitet die Großherzogliche Regierung in der Verordnung vom 24. Januar 1823, in der die politischen Gemeinden zur Führung von Geburts-, Trauungs- und Sterberegistern verpflichtet werden (Vgl. Thomas W .Lummitsch a.a.O.S. 50). Damit waren Assenheims Juden auch in der örtlichen Verwaltung als Mitmenschen existent geworden.

Welche Distanzen dennoch zu überwinden waren zeigt die standesamtliche Eintragung betreffend derWiederverheiratung von David Zinsheimer: „ Im Jahr Christi achtzehnhundert sechs und zwanzig den zwanzig und zweiten Februar wurde der hiesige Jude, ein Wittwer, mit Betty Klein…nach erhaltener

Regierungserlaubnis kopuliert. Die Kopulation verrichtete der Rabbiner Teibisoh aus Friedberg. David Zinsheimer ist angeblich 50 Jahre alt, und Betty Klein will 34 Jahre alt seyn. Der Bürgermeister Günther.“ (Siehe Geburts, Copulations und Sterb Protocoll der Judengemeinde zu Assenheim begonnen mit dem Jahr 1825 S.1219).

In dieser Phase vor 1848 bedeutet die Schulpflicht für alle jüdischen Kinder durch ein Edikt
vom 17. Juli 1823 einen weiteren Meilenstein zum enger werdenden Miteinander. Wie wichtig diese Bildungsreform seinerzeit war ergibt sich auch aus den standesamtlichen Unterlagen. Sounterschreibt Abraham Goldschmidt 1826 bei seiner Trauung mit Bettty Klein noch in hebräischer Schrift (Vgl. „Protocoll“ S.124) und als 1826 Behs Grünebaum sirbt, Ehefrau des Samuel Grünebaum aus der Liste von 1818, bezeugen dies Schmul Grünebaum und Ruben Simon mit hebräischen Buchstaben (Vgl. „Protocoll“ S.182).
Ebenso regelte das Großherzogtum Hessen schon 1825 die Ausbildung und Zulassung zum Rabbiner. Dies bedingte ein Philosophiestudium von 6-8 Semestern an einer weltlichen Universität und danach einen Studiengang von 10 bis 12 Semestern in Judaistik (Vgl. Thomas W. Lummitsch a.a.O.S.50).

Der 6.März 1848 war für die jüdischen Hessen ein schicksalhafter Tag. Mit diesem Datum trat die neue Verfassung des Großherzogtums Hessen in Kraft. Mit acht den Worten : „Die Freie Ausübung aller religiösen Kulte ist gestattet…“, wurden die Schutzjuden Assenheims nun auch rechtlich in denKreis der Ortsbürger aufgenommen (Vgl. Thomas Lummitsch a.a.O.S.61,62).

Zwischen 1818 und 1840 ist der jüdische Bevölkerungsanteil Assenheims von 42 auf 51 leichtangestiegen. Das bedeutet bei 842 Einwohnern (ohne die standesherrlichen Bezirke Hainaumühle und Amalienhof mit jeweils 6 und 23 Bewohnern) für 1840 einen jüdischen Bevölkerungsanteil von 6%. 1852 leben in Assenheim unter 933 Einwohnern 80 Juden, was einem Bevölkerungsanteil von annähernd 9% (8,57%) entspricht. 1855 steigt die Zahl der jüdischen Bewohner auf 84 Personen an. (Vgl.StAA Abt. II, Absch.2,Konv. 4, Fasc. 4,5,7).

Ab 1861 fällt im Zuge der Auswanderungen nach Nordamerika und in die nationalen industriellen Ballungszentren die faktische Wohnbevölkerung Assenheims, wie auch in den übrigen Orten drastisch ab. In der Phase zwischen 1864 bis 1867 von 873 auf 823 verliert Assenheim , trotz hoher Geburtenraten, statistisch 50 Bewohner (Vgl. Mitteilungen der Großherzoglichen Hessischen Centralstelle für Landesstatistik Nr.69 October 1868).

In diesem Zeitraum erreicht der jüdische Bevölkerungsanteil Assenheims mit 87 Personen den Wert von 10% und darüber.

Damit hat sich die jüdische Bevölkerung Assenheims seit 1818 fast verdoppelt, die bestehenden Gemeindeeinrichtungen sind nunmehr zu eng. Daher erwirbt die schon damals bestehende Doppelgemeinde Assenheim / Bruchenbrücken 1853 das Haus in der heutigen Eckgasse Nr.10 von Johannes Bopp, um es als israelitische Schule und Mikwe zu nutzen.

Die erste genau zu lokalisierende Synagoge befand sich in einer Haushälfte in der heutigen Hauptstraße 6 an einer kleinen Stichstraße im sogenannten „Hanauer Eck“ (Vgl. Karl Meisinger: Assenheimer Blätter Informationen zu Kulturellem und Kommunalem Heft 9.Juni 2005.2. überarbeitete Auflage April 2007 S.5).Karl Meisinger vermutet hier auch eine Mikwe.

Im Zuge dieser Zuwächse schuf sich die isralitische Religionsgemeinde Assenheim-Bruchenbrücken1862 die bestehende Synagoge in der Brunnengasse 4(Vgl. Karl Meisinger a.a.O. S.4).

Von der Einweihungsfeier berichtet Monica Kingreen: „…Das Programm am 21.November war umfangreich. Die Gesetzesrollen wurden damals in einem festlichen Umzug von der alten in die neue Synagoge gebracht. Rabbiner Dr. Benedikt Levy aus Gießen habe die Predigt gehalten…“ (Siehe

Wetterauer Zeitung, Samstag, 17.November 2012). Es wird weiter berichtet, dass eben dieseThoraüberführung von der Hauptstraße 6 in die Brunnengasse 4 unter starker Anteilnahme der assenheimer Bevölkerung und der örtlichen Vereine abgelaufen ist, ebenso wie gesamte Einweihungsfeier.

Die Phase zwischen Mitte des 19.Jahrhunderts und der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg können wir als die „goldene Phase“ des Oberhessischen Landjudentums ansehen. Zwar blieb der Viehhandel, namentlichen Großvieh, eine Domäne der jüdischen Mitbürger, aber wurde zunehmend nur von einer kleiner werden Zahl von Geschäftsleuten betrieben. Ebenso bestand die klassische Arbeitsteilung zwischen jüdischem Viehhändler und gleichzeitigem Rindsmetzger einerseits und dem christlichen Schweinemetzger und gleichzeitigem Gastwirt andererseits. Mit dem Aufkommen des Genossenschaftswesens in dieser Zeitphase verlor das ehemals wichtige Geschäft der Vergabe kleiner und kleinster Darlehen durch jüdische Geldverleiher völlig an Bedeutung. Die Mehrheit der ländlichen jüdischen Haushalte betrieben Ladengeschäfte für Gemischtwaren, Textilien und auch Bäckereien(Vgl. Thomas W. Lummitsch a.a.O. S.75 bis 80).

Politisch wandten sich die meisten ländlichen Juden ab der Reichsgründung eher zu liberalen Parteien. Kaiser Friedrich, der leider nur 99 regierte, war unter der jüdischen Bevölkerung besonders populär. Aber auch gegenüber dem großherzoglichen Hause Hessen war man äußerst loyal. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich zunehmend ein ausgesprochener Patriotismus. Man fühlte sich absolut als deutscher Jude. Schon im Krieg 1870/71 wurden im Preußischen Heer jüdische Feldgottesdienste abgehalten. Im Ersten Weltkrieg stellten jüdische Soldaten, gemäß ihres statistischen Anteiles im kaiserlichen Heer überproportional Träger des Eisernen Kreuzes und waren folglich auch unter den Gefallenen überrepräsentiert.

Seit Reform der Rabbinerausbildung die Großherzogliche Regierung, aber auch die Großherzogliche Familie Interesse am gedeihen jüdischen Gemeindelebens. So besaß jede der drei Großherzoglichen Provinzen zwei Provinzialrabbiner, jeweils einen der liberalen und einen der orthodoxen Richtung.Assenheim-Bruchenbrücken war orthodox, wogegen Bönstadt und Burgräfenrode der liberalen Richtung anhingen.

Aber der diese zunehmende Saturiertheit des deutschen Judentums in Staat und Gesellschaft, ausgenommen bei der Richter- und Offizierslaufbahn bestanden nach Reichsgründung noch gewisse Schranken für Glaubensjuden, rief die Deutsche Antisemitenbewegung auf den Plan. Eine besondere Zielgruppe stellte für sie das kleinbäuerliche Milieu dar. Ihren Schwerpunkt bildete dermittelhessische Raum, der Vogelsberg, aber auch Teile der Kreise Friedberg und Hanau. Obschon immer im Visier des Staatsschutzes. Bei den Wahlen zum Großerzoglichen Ständehaus von 1890 und1897 entsandten die Antisemiten jeweils 3 und 5 Abgeordnete von insgesamt 50 Parlamentssitzen. Bei den Wahlen von 1902 hatte sich die politische Antisemiten in Hessen aufgelöst, behielt aber imBauernbund weiterhin Einfluss (Vgl. Thomas W. Lummitsch a.a.O.S.100, 101).

Aber auch diese sehr negativen Tendenzen wurde um den Jahrhundertanfang geringer, scheinbar !

Die insgesamt bürgerlich lebenden jüdischen Familien legten großen Wert auf die Bildung ihrer Kinder und diese strebten in immer stärker werdendem Maße akademischen Berufen zu. Dies bedeutete 1. Abwanderung von Teilen der jüngeren jüdischen Generation in den städtischen, bzw. großstädtischen Bereich. 2.Geburtenrückgang.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sank die Mitgliederzahl der jüdischen Landgemeinden daramatisch.1905 belief sich die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinde Assenheims auf 63 und Bönstadts auf 28Personen. Damit hatte letztgenannte Gemeinde die Zahl von 30 Personen unterschritten, die gemeinhin für die Aufrechterhaltung eines regulären Gemeindelebens gilt und ebenso für die

Durchführung eines Gottesdienstes, bei dem mindestens 10 Männer teilnehmen müssen (Vgl. Thomas W. Lummitsch a.a.O.S. 115 bis 117).

Dagegen werden in der Hessischen Schulstatistik von 1910 noch 50 jüdische Einwohner in Assenheim und 27 in Bönstadt genannt, was jeweils 4,7 % und 4,3 % der Bevölkerung entspricht. (Vgl. Hessische Schulstatistik v.H.Krapp, Gießen 1910, S.195/196).

So hat sich die jüdische Gemeinde zu Bönstadt 1918 aufgelöst, die kleine Synagoge in der Erbstädter Straße 20 blieb nun verwaist (Vgl. Paul Arnsberg a.a.O. S.85 /86 und Thomas W. Lummitsch S.117). Trotz ihrer liberalen Ausrichtung schlossen sich die Bönstädter nun der orthodoxen Gemeinde Assenheim-Bruchenbrücken an.

Dieser Trend hatte schon am Ende des 19. Jahrhunderts z.B. in der Großherzoglichen Provinz Rheinhessen durchgesetzt, wo damals schon etliche der zahlreichen Landgemeinden erloschen waren. Im Gebiet des heutigen Wetteraukreises hatten sich zwischen 1880 bis 1933 folgende siebenKleingemeinden aufgelöst : Beienheim ,Bisses, Bönstadt, Burggräfenrode, Hoch-Weisel, Ober- Mockstadt und Wölfersheim.

Durch diese demographische Entwicklung, bedingt durch Geburtenrückgang und Wegzug in Städteund Großstädte, wäre das Oberhessische Landjudentum auch bei einem Ausbleiben der Schoah in den meisten Dörfern und Kleinststädten wie Assenheim , zumindest in der Form organisierter Religionsgemeinden erloschen.

Bei der Volkszählung von 1933 wird die Situation unmittelbar vor dem Einsetzen der Verfolgung durch die Nationalsozialisten erfasst. Verglichen mit den Zahlen von 1905 spricht schon diese Entwicklung eine deutliche Sprache.

In Assenheim sank die Zahl der dort lebenden jüdischen Bevölkerung zwischen 1905 und 1933 von 63 auf 21, in Bönstadt von 28 auf 9 und in Bruchenbrücken von 12 auf 9. (Vgl. Hess. Landesstatistische Amt, Darmstadt 1935 S.164 /Bezug auf die Wohnbevölkerung 16.Juni 1933/).

Als Vorausschau auf die später erfolgende Beschreibung des Unterganges sei schon hier skizziert:

1936 endete hier in dieser Synagoge der Gottesdienst, wobei noch 12 jüdische Haushalte am Ort bestanden, 1938, im Progromjahr waren es nur noch 6.

Bis heute, dem 11.September 2016, erinnern an die jüdische Gemeinde Assenheims und damit an die jüdische Geschichte in unserer Mitte der jüdische Friedhof, dieses Synagogengebäude und – eine kurze Inschrift am Assenheimer Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. Sie lautet kurz und knapp : Sally Goldschmidt 12.5. 1915 Lorettohöhe

Dahinter verbirgt sich Salomon Goldschmidt (Vgl. Paul Arnsberg a.a.O.S.48/49), der von seinerFamilie und Schulkameraden liebevoll mit seinem Kosenamen Sally im Stein verewigt worden ist. Er ist in der mörderischen Schlacht in Nordfrankreich im Frühjahr 1915 für Deutschland den Soldatentod gestorben, getreu seinem Fahneneid an seinen Kaiser.